Ein Dorf – ein Team
FC Viktoria Doveren e.V.
FC Viktoria Doveren e.V.
Man muss dabei gewesen sein, um es wirklich zu fühlen, zu glauben und irgendwann vielleicht sogar in Worte fassen zu können. Denn was sich an diesem Wochenende rund um unseren wunderschönen, geliebten, stolzen FC Viktoria Doveren abgespielt hat, gehört in den kicker-Almanach. Nicht in irgendeine staubige Chronik, die irgendwann auf einem Dachboden verschwindet, sondern in jene Geschichten, die man noch Jahrzehnte später am Tresen erzählt. Mit leuchtenden Augen, einem breiten Grinsen und der unumstößlichen Überzeugung, dass damals tatsächlich alles genauso verrückt gewesen ist. Wobei mit jedem weiteren Bier die Erinnerung ein wenig verklärt wird, bis die Erzählerin am Ende höchstpersönlich den Hattrick erzielt, das letzte Festbier auf Ex geleert und obendrein den Sohn des Präsidenten entführt hat. So entstehen Legenden. Und am Junkerberg gab es an diesem Wochenende reichlich Stoff dafür.
Die Zeugen dieser beiden berauschenden Fußballnachmittage werden ihren Enkeln davon berichten. Und die ihren Enkeln. Irgendwann wird vielleicht keiner mehr so recht glauben wollen, was sich in der Teverener Heide und am Doverener Junkerberg innerhalb von 270 Minuten plus Nachspielzeit abgespielt hat. Doch die Statistik lügt nie. 36 Tore. Neun Punkte. Ein Wochenende, das selbst der Fußballgott kaum besser hätte schreiben können. Wenn es eine Blaupause für ein gelungenes, dramatisches und vollkommen durchgeknalltes Fußballwochenende braucht, dann muss der liebe Fußballgott an diesen beiden Tagen jedenfalls beide Augen fest auf unsere Viktoria gerichtet haben.
Die Offenbarung begann am Samstagmittag in der Teverener Heide. Unsere A-Jugend gastierte bei Germania Teveren, dem Schlusslicht der Staffel 2 in der Quali-Runde. Alles andere als ein Auswärtssieg wäre eine Enttäuschung gewesen. Doch statt Überheblichkeit gab es bei den Jungs von Coach Yves Nolte vor allem eines: unstillbaren Torhunger.
Mit einem 5:0 ging es in die Kabine. Eigentlich hätte man den Nachmittag jetzt gemütlich nach Hause schaukeln können. Doch unsere Jung-Viktorianer hatten offenbar Blut geleckt und noch lange nicht genug. Was in der zweiten Halbzeit folgte, hatte mit gewöhnlichem Jugendfußball irgendwann so viel zu tun wie ein alkoholfreies Bier mit dem Oktoberfest.
Die Tore fielen in einer Geschwindigkeit, bei der man als Zuschauer kaum hinterherkam. Ganze 21 Treffer sollten im zweiten Durchgang noch folgen. Während andernorts nach einem Fünf-Tore-Vorsprung längst verwaltet, geschoben und auf den Schlusspfiff gewartet wird, drehten unsere Jungs erst richtig auf.
Am Ende stand ein 23:3 auf der Habenseite. In Worten: Dreiundzwanzig zu drei für unsere Farben. Ein Ergebnis, das sich liest, als hätten die Wurstfinger beim Tippen zwei Tasten gleichzeitig gedrückt. Doch es war tatsächlich passiert. Unsere A-Jugend hatte nicht einfach gewonnen. Sie hatte ein erstes, gewaltiges Ausrufezeichen gesetzt und den Auftakt zu einem Wochenende geliefert, das noch einiges in petto haben sollte.
Trist, wolkenverhangen und herbstlich kühl begann dieser Sonntagmorgen. Was nach Novemberblues aussah, fühlte sich an, als hätte sich eine graue Dunstglocke über unser kleines, schnuckeliges Dorf gelegt und beschlossen, es bis auf Weiteres nicht mehr freizugeben. Als es kurz vor zwölf auch noch anfing zu nieseln, sank die Stimmung bei den Verantwortlichen unserer Viktoria ungefähr auf das Niveau der nasskalten Temperaturen.
Doch mit jeder verstrichenen Minute, jedem gemeinsam geschleppten Tisch, jeder aufgehängten bayerischen Nationaldevotionalie und jedem frisch gezapften Weißbier hellten sich die Mienen auf. Spätestens als die erste Leberkäsescheibe mit geradezu chirurgischer Präzision und unter penibler Berücksichtigung ihrer Auswirkungen auf Herz und Kreislauf über die Theke wanderte, während die Weißwürste ihrer Bestimmung entgegenzupften, kehrte die Zuversicht zurück.
Hinterm Ausschank wurde mit viel Liebe zum Detail gewerkelt. Und mit ebenso viel Nächstenliebe wurden die eine oder andere jugendschutzrechtlich bedenkliche Verbalinjurie mit einem schnellen Hektischen hinuntergespült. So war der Kampf gegen den grauen Himmel und die kalten Füße bald gewonnen. Die ersten drei Punkte des Nachmittags gingen damit schon einmal an unser Thekenteam.
Und unsere Ultras wollten, dem in nichts nachstehen. Denn trotz des zickigen Wetters füllte sich die Fankurve unserer Viktoria allmählich mit Leben. Die treuen Anhänger unserer grün-weißen Farben ließen sich von ein paar Regentropfen schließlich nicht die Laune verderben. Und sie sollten ihr Kommen nicht bereuen.
Neben den bayerischen Spezialitäten sorgte zunächst auch unsere Reserve für die nötige Stimmungsaufhellung. Beim Mittagsduell gegen die Zweitvertretung des SV Immerath ließen sich die Jungs von Erfolgscoach Yves Nolte nicht lange bitten. Eli Rohloff schnürte in der 24. und 31. Minute seinen Doppelpack, ehe Tizi Rowinski in der 40. Minute das Ergebnis endgültig in Richtung Feiertagsstimmung schraubte.
Auch nach dem Pausentee blieb es ein Spiel auf ein Tor. Nick Nolte legte mit einem Doppelschlag in der 52. und 53. Minute nach, ehe - na logisch - unser Bomber Sebastian Sonn in der 67. Minute auf 6:0 und Eli Rohloff mit seinem dritten Treffer des Tages auf 7:0 erhöhten. Doch damit war der Torhunger noch lange nicht gestillt. Ehre, wem Ehre gebührt: Old Star Jens Rebing eröffnete an diesem Sonntag die Rebing-Torfestspiele und setzte mit seinem 8:0-Schlusspunkt in der 89. Minute ein erstes familieninternes Ausrufezeichen.
Der Start in den Fußballsonntag war also schon einmal geglückt. Nun hofften alle, die es ernst mit der Viktoria meinten, auf den nächsten Dreier. Im Abstiegskampf wäre der schließlich so lebenswichtig gewesen, dass selbst Vereinshund Happy kurz seine Jagd nach dem nächsten Leberkäsbröckchen unterbrach. Mit müdem Blick richtete sie ihre Schnauze Richtung Spielfeld und verfolgte das Treiben der beiden nächsten Mannschaften zumindest mit dem Anflug von Interesse. Aber schnell siegte wieder die Gier nach dem nächsten Leckerbissen.
Und der nächste Gourmethappen wartete schon auf die hungrige Meute am Junkerberg. Einige Schülerinnen des Hückelhovener Gymnasiums hatten herrlich warme, knusprige und selbst gebackene Laugenstangen und Brezeln im Gepäck, die gegen eine kleine Spende zugunsten des WDR-Weihnachtswunders an die Frau und den Mann gingen. Und vielleicht auch an den Hund, aber hier wird ausdrücklich kein Gewähr übernommen. Wo kein Kläger, da kein Richter, und Happy hatte schließlich auch ihren Ruf zu verteidigen.
Das Gebäck erwies sich als echter Verkaufsschlager. Die Doverener ließen sich nicht lange bitten und griffen beherzt zu. Wie es sich für unsere Dorfgemeinschaft gehört, kam dabei ein stattliches Sümmchen für den guten Zweck zusammen. Fußball, frische Brezeln und ein Herz für Menschen, denen es gerade nicht so gut geht. Am Junkerberg schmeckte an diesem Sonntag eben nicht nur der Leberkäs.
Beherzt ging es ab 15 Uhr auch auf dem Rasen weiter. Unsere Erste empfing den 1. FC Wassenberg-Orsbeck und legte los, als hätte sie zum Weißbier noch eine Extraportion Selbstvertrauen eingeschenkt bekommen. Die junge Elf vom Junkerberg übernahm von Beginn an das Kommando und erspielte sich in der ersten Halbzeit mehrere hochkarätige Chancen. Nur das verdammte Runde wollte partout nicht ins Eckige.
Das nötige Fortune war zunächst aufseiten der Gäste, die sich mit Glück und Geschick schadlos hielten. Und als sich alle bereits auf den Pausentee einstellten, stellte Wassenberg-Orsbeck den Spielverlauf kurzerhand auf den Kopf. Nach einem Rückpass auf unseren Rückhalt Daniel Kuhnen schlich sich plötzlich der berühmte Maulwurf ins Geschehen. Dieser sprang aus seinem Hügel und hob den Ball mit einem kurzen, aber entscheidenden Lupfer über das Bein von Doverens herauseilenden Nummer Eins. 1:0 für die Gäste, praktisch mit dem Halbzeitpfiff und die Erkenntnis, dass es endlich Zeit für unseren Kunstrasenplatz wird.
Mit hängenden Köpfen schlichen unsere Jungs in die Kabine. Der Schock saß tief und ließ sich auch durch die beiden Wechsel von Coach Thorsten Berg zur zweiten Halbzeit, Tobi Sagert und Jason Rebing kamen ins Spiel, zunächst nicht abschütteln. Zehn Minuten nach Wiederanpfiff legten die Gäste aus Wassenberg sogar das 0:2 nach. War es das jetzt? Sollte dieses wunderbare Oktoberfestwochenende tatsächlich mit einer Niederlage enden? Sollten wir weitere wichtige Punkte im Abstiegskampf abschreiben und den schönen Fußballnachmittag endgültig im Leberkäskoma versenken?
Mitnichten!
Das 0:2 wirkte wie ein elektrischer Schlag. Ein Ruck ging durch die Mannschaft, durch die Zuschauer und vermutlich bis hinüber zum Ausschank, wo man kurzzeitig um die Standfestigkeit der Weißbiergläser fürchten musste. Hätte in diesem Moment jemand eine seismografische Messung vorgenommen, wäre der Ausschlag vermutlich noch auf dem Doverener Marktplatz zu spüren gewesen.
Jetzt meldete sich die Fankurve am Junkerberg zu Wort. Jede Grätsche, jeder gewonnene Zweikampf und jeder gelungene Pass wurde bejubelt. Ob Mickelsche Grätsche, herrlicher Flankenlauf von Lars Rumpf, Balleroberung seines Bruders Thorben oder präziser Doppelpass zwischen Bene Schmitz und Chris Goertz, die Anhänger waren plötzlich hellwach. Und unsere Jungs spürten, dass sie an diesem Nachmittag nicht allein auf dem Platz standen. Die grün-weiße Liebe kam von den Rängen zurück auf den Rasen.
In der 61. Minute zahlte die Mannschaft erstmals zurück. Andi Lewezki schlug eine feine Flanke in den Strafraum, und Jason Rebing, Sohn unseres Old Stars Jens Rebing, stieg hoch und nickte zum 1:2 ein. Der Anschluss war geschafft, der Junkerberg wieder da.
Was dann folgte, war eine dieser Geschichten, für die man eigentlich Champions-League-Eintrittspreise verlangen müsste. Wieder war es Jason Rebing, der nach einem famosen Flankenlauf von Lars Rumpf per Kopf zum 2:2 traf. Und nur vier Minuten später blieb er nach einem herrlichen Zuspiel fünf Meter vor dem Tor eiskalt und jagte den Ball zur 3:2-Führung in die Maschen. Der Junkerberg stand Kopf. Aus einem drohenden Nachmittag zum Vergessen war plötzlich ein Fußballfest geworden, das selbst die kühnsten Optimisten kaum für möglich gehalten hätten.
Die inzwischen durch eine Gelb-Rote Karte dezimierten Wassenberger fanden keine Antwort mehr. Jason Rebing hingegen war endgültig auf Betriebstemperatur. In der 88. Minute schnürte er seinen Viererpack und stellte auf 4:2. Die Rebing-Festspiele waren in vollem Gange. Vater Jens hatte mit seinem Treffer bei der Reserve vorgelegt, Sohn Jason zog bei der Ersten nach und legte noch eine ordentliche Schippe drauf. Wenn das so weitergeht, muss der Familienname demnächst beim Fußballverband als eigene Spielklasse angemeldet werden.
Doch damit war noch nicht Schluss. Kapitän Bene Schmitz setzte nach Weltklasse-Vorarbeit des lange verletzten Gilbo Ryssen den Schlusspunkt zum 5:2. Spätestens jetzt gab es am Junkerberg kein Halten mehr. Ganz Doveren lag sich in den Armen. Grün und Weiß, wohin man blickte.
Und so endete ein Spiel, das zur Halbzeit bereits verloren schien, mit einem 5:2, das noch lange in Erinnerung bleiben dürfte. Neun Punkte am Oktoberfestwochenende, dazu 36 Tore über die drei Mannschaften hinweg. Wer hätte das am Sonntagmorgen bei grauem Himmel und kalten Füßen für möglich gehalten?
Gefeiert wurde bis tief in den Abend. Als die Dunkelheit längst über den Junkerberg gezogen war, saß man noch immer in geselliger Runde im Vereinsheim zusammen. Dort wurden die wahren Heldentaten des Nachmittags nach und nach ans Licht gebracht. Mit bemerkenswerter Disziplin und einer Kondition, die im Laufe des Tages offenbar noch einmal kräftig zugelegt hatte, widmete man sich den großen Fragen des Lebens. Geschäftsführer Quappo Marcos, die beiden Vorsitzenden Yves Nolte und Sascha Gers sowie die Kassierer Frank Allwicher und Michael Mones zeigten nicht nur den jungen, sondern auch manch älteren Viktorianern, was jahrelange Erfahrung und wissenschaftlich fundierte Herangehensweise wert sind. Schließlich will auch das fachgerechte Weißbiervernichten gelernt sein. Und während auf dem Platz die Zweistelligkeit bei den Toren eine echte Herausforderung darstellt, scheint sie bei der Zahl der geleerten Bierkrüge mit zunehmender Erfahrung erheblich leichter erreichbar.
Und so wird man eines schönen Tages auf diesen Sonntag zurückblicken und sich erinnern, als hätte man selbst auf dem Spielfeld gestanden und all das mit eigenen Augen gesehen. Die Tore, die Aufholjagd, den Jubel. Und natürlich jene heldenhaften Szenen im Ausschank, als Krug um Krug auf ebenso wundersame wie beispiellose Weise in den trockenen Kehlen des Vorstands verschwand. Wenn man lange genug in diesen Erinnerungen schwelgt, wird man schließlich auch auf die 36 Tore und neun Punkte mit einem verschmitzten Lächeln zurückblicken. Wobei sich die Frage, welche dieser Leistungen am Ende die größere Kondition erforderte, wohl nie abschließend klären lassen wird.
Kuhnen – F. Goertz (85. Korkmaz), M. Mickels, C. Goertz, A. Lewezki – Kohnen (46. Sagert), Schmitz, T. Rumpf, L. Rumpf, C. Gönül (90. Ryssen) – Bieonuma (46. Rebing)
Stephan Epple