Wäre, wäre Fahrradkette: Viktoria verliert Derby gegen Hückelhoven

Unser allseits beliebter Europa- und Weltmeister, Weltfußballer und Borussia-Mönchengladbach-Legende Lothar Matthäus ließ einst im Zuge seiner Tätigkeit als Fernsehexperte die leicht verschrobene Wortschöpfung „Wäre, wäre Fahrradkette“ fallen. Eine sprachliche Kuriosität, angelehnt an den guten alten Ausdruck „Hätte, hätte, Fahrradkette“. Diese eigenwillige Weisheit ließ sich glatt auf das Spiel unserer Viktoria am vergangenen Samstag projizieren.

 

Wäre Philipp Morr kurz nach Anpfiff des Derbys gegen Borussia Hückelhoven bei seiner Riesenchance zum 1:0 etwas klarer gewesen, hätte er den Ball nicht halb abgespielt und halb aufs Tor geschossen, dann wäre unsere Viktoria früh in Führung gegangen. Und wer weiß, vielleicht hätte das Spiel dann eine ganz andere Richtung genommen. Vielleicht wäre aus einem kühlen Herbstnachmittag ein kleiner Fußballmärchenmoment geworden. Aber der Konjunktiv ist bekanntlich ein windiger Geselle, und auf dem Platz zählt am Ende nur das, was tatsächlich passiert.

 

Leider lief die Fahrradkette im Doverener Spiel an diesem Samstag nicht ganz so geölt wie noch in der Vorwoche. Die äußeren Bedingungen des herbstlichen Nachmittags entsprachen dabei vollkommen der Jahreszeit. Ein Wechselspiel aus Sonne und Wolken ließ den Baaler Ausweichplatz mal in goldgelbem Licht erstrahlen, ehe ihn wieder ein grauer, trister Wolkenschleier überzog. Der nächtliche Sturm hatte seine Spuren hinterlassen, und seine Ausläufer riefen auch unseren zweiten Vorsitzenden Sascha Gers mit vollem Einsatz auf den Plan.

 

Der mit herbstlichem Laub übersäte Platz verlangte nach einer gründlichen Reinigung. Mithilfe der vom SV Baal bereitgestellten Laubbläsermaschine bewarb sich der agile Gers kurzerhand schon einmal als zukünftiger Platzwart unseres geplanten Kunstrasenplatzes. Mit einer Gewissenhaftigkeit, die beinahe an chirurgische Präzision erinnerte, befreite er den Rasen von jedem noch so kleinen Blätterzipfel. Eine Leistung, für die man in der Spielnachbetrachtung durchaus die Note eins hätte in Betracht ziehen dürfen. Der Mann hatte seinen Platz im Griff. Da konnte man sich schon fragen, warum der eine oder andere unserer Jungs diese Hingabe nicht auch auf dem Spielfeld an den Tag legte.

 

Denn leider nahmen sich die Spieler vom Junkerberg die vorbildliche Vorstellung ihres Tausendsassas Gers nicht ganz so zu Herzen. Die Borussen aus Hückelhoven hingegen hatten offenbar genauer hingeschaut und sich die nötige Inspiration geholt. Sie gewannen die wichtigen Zweikämpfe und entwickelten nach und nach ein spielerisches Übergewicht. Große Torchancen sprangen dabei zunächst zwar nicht heraus, doch wenn sich einmal etwas Zählbares ankündigte, war der Gerssche Nachwuchs im Tor der Viktoria zur Stelle.

 

Mattis Gers, der den verletzten Daniel Kuhnen gut vertrat, bewahrte seine Mannschaft nach einer gut herausgespielten Gelegenheit der Gäste mit einem starken Reflex vor dem Rückstand. Einen Schuss aus kurzer Distanz parierte er mit einer Reaktion, die dem jungen Schlussmann einiges an Anerkennung einbringen dürfte.

 

Im Spiel nach vorne wollte bei der Truppe von Thorsten Berg, die auf unseren Viererpacker Jason Rebing verzichten musste, dagegen nicht allzu viel zusammenlaufen. Abgesehen von der bereits erwähnten Großchance von Morr blieb die Offensive weitgehend blass. So ging es mit einem etwas schmeichelhaften 0:0 in die Halbzeitpause. Ein Ergebnis, das noch Hoffnung machte, aber auch schon ahnen ließ, dass an diesem Nachmittag nicht alles nach Wunsch laufen würde.

 

Nach dem Seitenwechsel zeigte sich Borussia Hückelhoven weiterhin engagierter, giftiger und galliger in den Zweikämpfen. Die Gäste nahmen das Derby an, warfen sich in die Duelle und machten deutlich, dass sie die drei Punkte lieber mit nach Hause nehmen wollten als unsere Viktoria. Und so fiel die Führung nach 53 Minuten auch nicht ganz unverdient.

 

Ein Stellungsfehler in der Doverener Hintermannschaft öffnete den Borussen den Weg zum 1:0. Plötzlich war die ganze schöne Hoffnung auf einen Punktgewinn dahin, und der Baaler Ausweichplatz bekam an diesem Nachmittag endgültig jene herbstliche Tristesse verpasst, die man sonst eher von einem verregneten Sonntag im November kennt.

 

Mit einem Dreifachwechsel versuchte Berg anschließend, seine Mannschaft wachzurütteln und dem Spiel noch einmal eine andere Wendung zu geben. Doch die Hückelhovener hatten nun Blut geleckt. Während unsere Viktoria weiter nach einem Weg zurück ins Spiel suchte, nutzten die Gäste ihre Möglichkeiten eiskalt aus und erhöhten in der 70. Minute auf 2:0.

 

Kurioserweise erwies sich das 0:2 für unsere Viktoria als kleiner Weckruf. Angesichts der drohenden Heimniederlage besannen sich die Jungs vom Junkerberg plötzlich darauf, dass man einen Fußballnachmittag nicht ausschließlich mit verlorenen Zweikämpfen und mit dem Hinterherlaufen von Gegenspielern verbringen muss. Aber leider, als hätte der Geist des Loddar Matthäus über dem Baaler Fußballplatz geschwebt, fand der Konjunktiv wieder Einzug ins Fahrradgeschäft der Viktoria.

 

Hätte Lars Rumpf in der 75. Minute den Ball quergelegt, anstatt ihn an den Pfosten zu setzen, wäre der Anschlusstreffer durchaus möglich gewesen. Ein wenig Schmieröl für eine potenzielle Aufholjagd, hätte unseren Jungs schon da gutgetan. Oder hätte der Schiedsrichter einen vermeintlichen Abseitstreffer nach korrekter Regelauslegung anerkannt, wäre unsere Viktoria womöglich tatsächlich noch einmal bis auf einen Ausgleich herangekommen.

 

Doch selbst sämtliche Weisheiten, auch jene eines überragenden ehemaligen Fußballers, reichten an diesem Nachmittag nicht aus, um dem Spiel noch einmal eine entscheidende Wendung zu geben. So blieb es letztlich bei der verdienten Niederlage für unsere Viktoria, die den erhofften Befreiungsschlag und das Verlassen des Abstiegsplatzes auf das nächste Spiel in zwei Wochen verschieben muss.

 

Dann hoffentlich mit derselben Einstellung, die unser zweiter Vorsitzender Sascha Gers am Laubbläser an den Tag gelegt hatte. Denn wenn auf dem Platz nur halb so gründlich gearbeitet wird wie beim voranpfifflichen Kehraus, dann könnte die grün-weiße Fahrradkette schon bald wieder geschmeidiger laufen.

 

Gers – F. Goertz, Mickels, C. Goertz, Lewezki (65. Franzolet) – Morr, T. Rumpf (46. Schmitz), L. Rumpf, Gönül (65. Ryssen), Sagert (65. Krieger) – Korkmaz (80. Gruntmann)

 

Stephan Epple

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Veröffentlichung

Mo, 26. Oktober 2026