Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin
Nun hat uns König Fußball endlich wieder. Nach dem eher mauen WM-Sommer und den langen, hitzigen und schweißtreibenden Tagen ist es wieder Zeit für Gänsehaut und Herzrasen. Unsere allseits beliebte Viktoria startet in die Saison 2026/27. Und wie es sich gehört, nicht mit irgendeinem belanglosen Freundschaftsspiel, sondern gleich mit dem ersten Pflichtspiel im Kreispokal gegen Rheinland Dremmen.
Die Konstellation ist eigentlich ganz einfach. Nach dem großen Umbruch zur neuen Saison, mit vielen jungen Gesichtern und einigen Talenten aus der guten A-Jugend, will unser neuer Trainer Thorsten Berg die Herausforderung gegen Dremmen angehen. Natürlich als Außenseiter. Alles andere wäre nach einem solchen Umbruch auch einigermaßen vermessen. Den Fans am Junkerberg soll dabei gleich das neue Gesicht der Mannschaft präsentiert werden.
Nach harten und schweißtreibenden Wochen der Vorbereitung brennt die junge Truppe darauf, sich mit einem starken A-Ligisten zu messen und vielleicht, ganz vorsichtig natürlich, von einem Coup zu träumen. Und warum sollte man nicht eine Chance haben? Denn man weiß, Achtung, jetzt wird es gefährlich fürs Phrasenschwein: Der Pokal hat seine eigenen Gesetze.
Diese Gesetze kann man im Fußball seit über 160 Jahren beobachten. Der Pokalwettbewerb ist schließlich der älteste Wettbewerb der Welt. Im Mutterland des Fußballs wurde das erste Finale des FA Cup am 16. März 1872 ausgetragen. Gegenüber standen sich der Wanderers FC aus London und der Armeesportklub Royal Engineers AFC.
Der FA Cup war auf seine Art ein großer gesellschaftlicher Schmelztiegel. Hier traf zunächst die viktorianische Elite auf die bescheidenen Schichten der Arbeiterklasse. Und bis heute ist er, gerade wegen des hierarchischen englischen Ligasystems, eine der wenigen Veranstaltungen, bei denen eine Mannschaft aus Taxifahrern, Büroangestellten und Fabrikarbeitern die Chance bekommt, in den heiligen Fußballtempeln von Old Trafford, Anfield, der Stamford Bridge oder natürlich Wembley aufzulaufen. Jedenfalls in der Theorie. In der Praxis muss man dafür vorher halt ein paar Spiele gewinnen.
In Deutschland sollte es noch 63 Jahre dauern, bis auch hier der DFB-Pokal, damals noch Tschammerpokal genannt, Einzug in den Volkssport hielt. Der ruhmreiche 1. FC Nürnberg durfte sich 1935 nach einem 2:0-Sieg über den FC Schalke 04 als erster Titelträger des Wettbewerbs feiern lassen.
Für unsere Viktoria ist das Endspiel in Berlin noch nicht ganz in Reichweite. Genau genommen liegt noch ein ziemlich weiter Weg zwischen dem Junkerberg und dem Berliner Olympiastadion. Aber der Weg ist schließlich das Ziel. Und dafür braucht die junge, mit einigen Potenzial ausgestattete Elf vom Junkerberg vor allem eines: die große und durchgehend positive Unterstützung ihrer treuen Fans.
Bei voraussichtlich nicht mehr lebensfeindlichen Temperaturen am kommenden Sonntagnachmittag darf deshalb neben hoffentlich zauberhaftem Kombinationsfußball auch wieder lautstark unterstützt werden. Dazu gibt es leckeres Grillgut und eiskalte Gaumenschmeichler. Also im Grunde alles, was der zivilisierte Mensch für einen gelungenen Sonntag braucht.
Die Jungs vom Junkerberg würden sich freuen.
Und wer weiß, welche Welle der Euphorie sich entfesseln lässt, wenn der erste Doppelpass gelingt, die Grätsche an der Außenlinie sitzt, der Sprint durchs Mittelfeld für offene Münder sorgt und der Flugkopfball im Strafraum irgendwie den Weg ins Netz findet. Dann kann auch der krasse Außenseiter langsam anfangen zu träumen.
Vom Kreispokalsieg.
Vom Einzug ins Viertelfinale des Mittelrheinpokals.
Vom DFB-Pokal-Erstrundensieg im Borussia-Park.
Vom Berliner Olympiastadion.
Champions League vielleicht nicht, man will ja nicht völlig den Boden unter den Füßen verlieren.
Wobei.
Wenn man schon einmal angefangen hat zu spinnen, kann man es auch richtig machen.
Das Europa-League-Finale 2029 findet entweder in Ankara, Belgrad, Bukarest, Turin oder Paris statt.
Und wer weiß.
Vielleicht steht dann irgendwo die Elf vom Junkerberg auf dem Rasen und schaut sich um, während 50.000 Menschen schreien und sich im VIP-Bereich irgendein Funktionär fragt, wie zum Teufel die eigentlich hierhergekommen sind.
Viktoria international.
Liebe Grüße an den Eiffelturm.
Stephan Epple