Von grauen Theorien und grün-weißen Realitäten
Durchforstet man das World Wide Web nach Zitaten, Sprüchen und sonstigem klugen Zeug, das irgendwie zu einer Situation im Fußball passen könnte, wird man erstaunlich schnell fündig. Für beinahe jede Lage, in die ein Verein geraten kann, gibt es irgendwo den passenden Satz. Für den ganz normalen Wahnsinn ebenso wie für Aufstieg, Absturz, Euphorie und Niederlage. Angefangen bei den einfachen Weisheiten des Weltmeistertrainers Sepp Herberger: „Der Ball ist rund und ein Spiel dauert 90 Minuten.“ Über die großen Sätze zum Erfolg, wie jenen von Franz Beckenbauer: „Erfolg ist ein scheues Reh. Der Wind muss stimmen, die Witterung, die Sterne und der Mond.“ Bis hin zu den Niederlagen, für die Zinedine Zidane immerhin noch einen Sinn gefunden hat: „Man lernt aus Niederlagen viel mehr als aus Siegen. Sie zeigen dir deine wahren Schwachstellen.“
Das klingt alles ziemlich schlau. Und manches davon ist es vermutlich sogar. Nur haben die meisten dieser Sprüche eine erstaunlich kurze Halbwertszeit. Sie kommen durch die Tür, drehen eine kleine Runde durch den Kopf und sind schon wieder verschwunden. Gerade wenn es nicht läuft, vermehren sie sich allerdings wie die Karnickel. Dann wird von Chancen gesprochen, von Lernprozessen, Charakter und Entwicklung. Niederlagen werden zur Erfahrung veredelt, Fehlstarts zur Standortbestimmung und drei Gegentore irgendwie zur notwendigen Lektion auf dem Weg aus der Krise. Man kann sich mit Worten schließlich fast alles schönreden, solange man nur lange genug darüber spricht.
Nur interessiert das den Fußball herzlich wenig. Er bleibt ein Ergebnissport. Kluge Sätze schießen keine Tore und noch so beherzte Ansprachen holen keine Punkte.
Dann bleibt nur noch der Platz. Und der ist meistens ziemlich erbarmungslos. Was dort passiert, steht am Ende auf der Anzeigetafel. Oder, um es mit den unsterblichen Worten der BVB-Legende Adi Preißler zu sagen: „Grau is‘ alle Theorie - Entscheidend is‘ auf’m Platz!“
Für unsere Jungs vom Junkerberg war die Niederlage am vergangenen Sonntag bei Würm-Lindern ein herber Rückschlag im Kampf um die Punkte für den Klassenerhalt. Die Art und Weise allerdings, wie unsere Viktoria die zweite Halbzeit gespielt hat, macht den treuen grün-weißen Anhang durchaus Mut. Kampfgeist und Einsatz stimmten, vor allem aber war da plötzlich eine Spielkultur zu sehen, die weit über zaghafte Ansätze hinausging.
Trainer Thorsten Berg hatte offenbar die richtigen Schlüsse aus der verkorksten ersten Halbzeit gezogen. Mit der Umstellung auf den beiden Außenverteidigerpositionen kam deutlich mehr Sicherheit in den Abwehrverbund. Gleichzeitig wurde der Spielaufbau über die schnellen Außen wesentlich druckvoller. Mit Andi Lewezki über rechts und Chris Kohnen über links kam mehr Dynamik in die Offensive, während gleichzeitig auch die Rückwärtsbewegung besser funktionierte. Und mit der Hereinnahme von Stefan Röhrnbeck kehrten auch im Mittelfeld Ruhe, Ballsicherheit und eine Portion spielerische Klasse zurück.
Auch wenn am kommenden Sonntag am Junkerberg ein anderes Kaliber auflaufen wird als die Zweitvertretung der Unioner, muss sich unsere Viktoria nach dieser zweiten Halbzeit vor dem A-Liga-Absteiger Grün-Weiß Karken nicht verstecken.
Die Karkener sind ebenfalls eher etwas durchwachsen in die Saison gestartet. Zum Auftakt gab es ein eindrucksvolles 6:0 gegen den Aufsteiger aus Granterath, anschließend teilte man sich die Punkte mit Helpenstein. Gegen die starke Reserve aus Uevekoven setzte es dagegen eine 1:4-Niederlage. Die Partie gegen Schwanenberg fiel den widrigen Wetterbedingungen zum Opfer.
Nichtsdestotrotz wartet auf unsere Viktoria am Sonntag eine echte Herausforderung. Eine, die sich vermutlich nicht mit ein bisschen gutem Willen und ein paar netten Fußballfloskeln aus der Welt schaffen lässt. Dafür wird es eine geschlossene Mannschaftsleistung brauchen, jeder muss für jeden laufen und am besten auch noch ein bisschen mehr.
Viel mehr gibt es zu dieser Partie eigentlich nicht zu sagen. Worte sind inzwischen genug gefallen. Jetzt darf wieder der Fußball sprechen. Oder man zitiert Adi Preißler.
Reserve startet in die englische Woche
Bereits am heutigen Mittwoch geht es für die Männer von Coach Yves Nolte in die zweite Spielrunde des laufenden Wettbewerbs. Nach dem 1:3-Saisonauftakt gegen die Reserve des SC Wegberg wartet mit der Spielgemeinschaft Merbeck/Viktoria Wegberg der Stadtrivale des Sportclubs.
Gespielt wird auf dem Kunstrasenplatz in Wegberg. Und auf einem solchen, nahezu chirurgisch präparierten Untergrund darf man sich durchaus die eine oder andere spielerisch ansehnliche Aktion ausmalen. Hier kann sich schließlich niemand mehr auf einen holprigen Rasen, einen Maulwurfshügel oder ein plötzliches Loch im Strafraum berufen, wenn der Pass irgendwo im Nirgendwo landet, die Ballannahme aussieht wie ein missglückter Klärungsversuch oder der Torschuss drei Meter am Winkel vorbeisegelt.
Für die Pretzls, Sonns und Garcias unserer Auswahl dürfte der gelegte Teppich also durchaus als Einladung verstanden werden. Ein gepflegter Doppelpass hier, ein kleiner Haken dort und anschließend vielleicht noch ein Ball, der sich oben rechts in den Winkel verabschiedet.
Der erste Dreier der Saison wäre jedenfalls wichtig. Denn viel Zeit zum Wundenlecken bleibt nicht. Bereits am kommenden Sonntag wartet auf dem Junkerberg das erste Derby der Saison. Dann wird die kleinere Viktoria aus Kleingladbach vermutlich alles in die Waagschale werfen, was sie aufzubieten hat, um drei Punkte mit an die Heubahn zu entführen.
Bis dahin aber gilt erst einmal: Kunstrasen, Mittwochabend und drei Punkte.
Stephan Epple